Frank Gossner (Voodoo Funk, NYC)

Was wohl für jeden wahren Funk Sammler das Größte ist hat sich der in Deutschland gebohrene Wahl New Yorker “Frank Gossner” erfüllt: Diggen, Diggen, Diggen und nochmals Diggen! Jedoch suchte er nicht nur in den USA nach Funk Scheiben, Funk hat viele Gesichter, und so zog es ihn drei Jahre nach Afrika, wo er den ein oder anderen musikalischen Schatz des Schwarzen Kontinents an die Oberfläche brachte - Afro-Funk, oder wie er es nennt “Voodoo Funk”. Eigentlich viel zu viel um es hier alles zu erzählen, daher empfielt sich dringend der Besuch seiner Internetseite www.voodoofunk.com. Dort gibt es haufenweise Mixes, Fotos, Videos und noch vieles mehr über seinen Trip zu den Wurzeln des Rhythmus. Wie es dazu kam, wie man in Afrika am besten diggen kann und noch vieles mehr hat er uns im Interview erzählt…

(Interview vom 20.01.2009, Frank Gossner/Dan45)

Wie lange Sammelst Du Funk/”Voodoo Funk”?

“Voodoo Funk” ist der Titel meiner Website, bzw. der Name meiner Party und keine Bezeichnung für einen bestimmten Afrikanischen Musikstil. Mit „Afrobeat” und „Afro Funk” gibt es ja schon Schubladen genug.

Ich habe 1996 mit dem Sammeln von Funk 45s angefangen. Ich habe von 1996 bis 2000 in NYC gelebt und war mit Philip Lehmann von „Desco Records” („Daptone” Vorläufer) und „Matt Finewine” befreundet. Von Beiden bekam ich damals meine ersten Funk 45s. Auf vielen Roadtrips die Amerikanische Ostküste rauf und runter, sowie kreuz und quer durch Texas und Louisiana habe ich dann noch kräftig weiter dazugekauft.

Wie kamst Du vom amerikanischen zum „Voodoo-Funk”? Afrikanischer Funk war in Deutschland ja nicht unbedingt populär, wenn nicht fast gänzlich unbekannt?

US Funk 45s sind ziemlich ausgereizt. Da wird großartig nichts Neues mehr gefunden. Die einen DJs gingen vor ein paar Jahren Richtung Disco oder Modern Soul, was mir persönlich einfach gar nicht zusagt. Die Leute die beim typischen, rauen Funk 45 Sound geblieben sind, legen mittlerweile alle oft die gleichen Platten auf. Ich mag den Sound persönlich immer noch aber ich war an einem Punkt, wo ich so ziemlich alle Funk 45s die ich irgendwann mal wirklich wollte nicht nur in der Sammlung hatte, sondern auch schon oft gespielt hatte, sodass Alles irgendwie nicht mehr so arg aufregend war. Natürlich waren da noch ein paar Scheiben die ich gerne noch gehabt hätte aber das waren dann alles Sachen die für deutlich über $1.000 gingen. Dazu kam dann noch, dass die Preise zunehmend instabiler wurden. Wer will sich schon gerne eine Single für $2000 kaufen, die dann ein paar Monate später als Reissue auf dem Markt ist, als Original nur noch die Hälfte wert ist und von irgendwelchen ‚Studenten-Hobby-DJs’ in der Bar um die Ecke aufgelegt werden.

Ich hatte 2005 dann schon seit insgesamt 5 Jahren die „Soul Explosion” in Berlin laufen. Zwei Mal im Monat. Die Party lief nach wie vor super aber bei mir war die Luft raus. Ich wollte etwas Neues machen.

Kannst Du etwas zur Geschichte von Afrikanischem Funk, bzw. deinem „Voodoo-Funk” erzählen? Eine eigene Entwicklung oder Einflüsse aus den Staaten?

Afrikanischer Funk war natürlich stark von Amerikanischer Musik beeinflusst. Viele Puristen unter den Fans Afrikanischer Musik sehen diese Musik deshalb als unauthentisch an. In meinen Augen ist das völliger Quatsch. Afrikanische Musik ist der Ursprung von Blues, Soul, R&B und Funk. Wo sonst sollen diese Rhythmen herkommen? Musikwissenschaftler sind sich mittlerweile ebenfalls einig, dass sämtliche “Latin” Rhythmen ursprünglich aus West Afrika kommen. Salsa ist identisch mit einem rituellen Voodoo Rhythmus aus dem Heimatdorf des legendären „Sagbohan Daniallou” in Benin.

Afrobeat oder Afrikanischer Funk ist die Rückkehr Afroamerikanischer Musik an ihren Geburtsort und Ihre Wiedervereinigung mit den traditionellen Wurzeln.

Wo siehst Du den größten Unterschied zwischen U.S. Funk und Afrikanischem?

Die Spielweise ist wesentlich dynamischer und experimentierfreudiger. Die Produktionen sind meistens viel direkter und rauer. Es gab hervorragende Afrobeat Aufnahmen bis in die späten 70er. Mit der Ausnahme des „Moogs” kamen Synthesizer nur sehr selten zum Einsatz und selbst viele der Disco oder Boogie Scheiben sind live eingespielt mit ‚richtigen’ Instrumenten und machen richtig Spaß.

Wie kam es zu der Entscheidung nach Afrika zu gehen? Ist es Dir nicht schwer gefallen?

Meine Frau hatte ungefähr zur gleichen Zeit ein Jobangebot für West Afrika und da musste ich nicht lange überlegen. Dass es da in der Region Funk Platten gab wusste ich von den diversen „Soundway” Compilations. Der Job war in Guinea, was mit Mali das kulturelle Zentrum der teilweise superpsychedelischen „Mende” oder „Mandingue” Musik und Guinea’s Hauptstadt Conakry ist, nur wenige Stunden von Sierra Leone’s Freetown entfernt. Spontan sagten wir zu und zogen nach Afrika. Mein Kumpel Mark übernahm die „Soul Explosion” und weg waren wir. Rückblickend die beste Entscheidung meines Lebens.

Wo hat es dich auf dem afrikanischen Kontinent überall hin verschlagen und was war Schönstes Erlebnis auf deinem dreijährigen Trip?

Ich war 13mal in Sierra Leone, 10mal in Benin, 8mal in Ghana und 6mal an der Elfenbeinküste. Ich plane derzeit meinen ersten Afrika Trip von NYC aus. Diesmal geht’s nach Accra und nach Lagos. Zu den absoluten Highlights zählte die Begegnung mit zwei alten Club- und Radio-DJs in Accra, meine Bekanntschaft mit „Gustave Bentho”, dem Bassisten von „Poly Rythmo”, „Gnonnas Gilles”, „El Rego”, „Danialo Sagbohan”… mit all diesen Freunden bin ich nach wie vor in Kontakt und ihre Bekanntschaft bedeutet mir sehr viel.

Gab es beim Diggen in einem Land das so unter politischer Spannung steht wie Afrika nicht Probleme?

Richtige Probleme hatte ich nie. Einmal mussten wir wegen schwerer Kampfhandlungen in Conakry das Land verlassen und sind auf dem Landweg nach Sierra Leone geflüchtet. Das war schon etwas aufregender als wir es uns gewünscht hatten aber im Nachhinein lacht man darüber…

Ich denke in Afrika wird nicht gerade an jeder Ecke ein Plattenladen oder Händler sein, wie kamst Du an deine Scheiben?

Das funktioniert nur mit sehr viel Zeit und Einfallsreichtum. Ich habe oft Ansagen übers Radio gemacht. Meistens fanden die Radio-DJs das immer sehr lustig, wenn da ein Deutscher mit einer handvoll CDs mit alter Musik aus ihrer Heimat drauf ankam, die sie selbst schon seit Kindheit an nicht mehr gehört hatten.

Mein großer Vorteil war, dass ich all diese Länder sehr oft besuchen konnte und so in jeder Stadt ein Netzwerk an Helfern hatte, die auch während meiner Abwesenheit für mich nach Platten suchten. Noch heute bekomme ich fast jede Woche ein Paket Platten aus Afrika…

Wie reagieren die Menschen auf einen Deutschen der in Afrika nach Schallplatten sucht? Du hast ja auch Musiker von damals getroffen!?

Die Musiker waren oft sehr ergriffen, ihre alte Musik zu hören. Nur sehr wenige Leute hatten einen funktionierenden Plattenspieler und viele Musiker hatten ihre eigene Musik schon seit über 20 Jahren nicht mehr gehört.

Die Reaktionen waren immer positiv. Ich hatte ja immer einen batteriebetriebenen Plattenspieler dabei und oft, wenn ich auf offener Straße einen dicken Stoss Platten durchhörte, kam es zu spontanen Ansammlungen und die Leute haben angefangen zu tanzen.

Wie schätzt Du die Wertschätzung der Menschen des Landes zu ihrer Musik, bzw. somit auch einem Teil ihrer Geschichte ein?

Die Umstellung zu CD hat in vielen Afrikanischen Ländern dazu geführt, dass es zu einem Bruch mit der davor aufgenommenen Musik kam. Benin hat nach meinen persönlichen Beobachtungen noch den größten Bezug zu seiner kulturellen Geschichte. In Ghana gibt es sogar eine Gruppe junger DJs, die unter Anderem auch alte Afrobeat und Afro Funk Aufnahmen spielen. In Sierra Leone und an der Elfenbeinküste wird fast ausschließlich neue, dekstopcomputererzeugte Billigmusik gehört.

In den meisten westlichen Ländern hat sich das Medium Vinyl mehr oder weniger halten können. Welchen „Wert” hat Vinyl in Afrika? Gibt es auch afrikanische Sammler?

Ich habe in Ghana zwei Sammler getroffen die noch heute Platten anhören und eine größere Sammlung besitzen. Das ist aber bei Weitem die Ausnahme. In Sierra Leone und in Guinea habe ich noch einige wenige “Recording Studios” gefunden wo Kunden individuell zusammengestellte Mixtapes bestellen können, die dann vor Ort von Vinyl auf Kompaktkassette aufgenommen werden.

Die Rarität der Funk Singles aus den Staaten ist größtenteils bekannt, oder zumindest kuriert so etwas wie eine Ahnung über die Zahl noch existenter Kopien einer Singe. Wie selten sind Afrikanische Scheiben?

Wesentlich, wesentlich seltener. Ich habe einige Platten die sonst absolut niemand in der “Westlichen Welt” jemals gesehen hat.

Im Zeitalter wo man seine Scheiben so gut wie anonym auf Ebay, im Internet, oder bei Händlern kaufen kann, wie wichtig ist das „Diggen” für dich, bzw. was macht es für dich aus?

Für mich ist ‚wirkliches’ Diggen essentiell wenn es darum geht, eine wirklich einzigartige und gewichtige Plattensammlung zusammenzustellen. Ich finde es wichtig Platten da einzukaufen wo sie herkommen. Nur dann versteht man den kulturellen Kontext. Außerdem erfährt man so auch, was die Leute sonst noch für Musik gehört haben. Die meisten Platten die ich in Afrika gekauft habe kannte ich vorher überhaupt nicht. Und die meisten waren auch nie auf Ebay oder auf irgendeiner Hänndlerliste.

Für mich war das Finden der Platten immer ein entscheidender Teil der ganzen Sache. Es ist schon was Anderes, wenn man in einer alten, ehemaligen Jukebox Bar in den Sümpfen um Louisianas New Iberia einen Stapel von „Eddie Bo” produzierte Singles findet oder in Philadelphias gefährlichster Hood als erster Digger in einen verstaubten Lagerraum voller 45s reinkommt. Sowas geht Heute nicht mehr. In jeder Amerikanischen Groß- oder Kleinstadt sind seit einigen Jahren schon ganze Schwärme von Leuten mit transportablen Plattenspielern unterwegs und grasen systematisch alles ab. Roadtrips lohnen sich nicht mehr und Plattenkaufen auf Ebay ist einfach langweilig.

Du lebst mittlerweile in New York. veranstaltest dort auch die „Voodoo Funk”. Wie nehmen die Leute die Musik an? Welches Publikum hast Du?

Ich habe die Voodoo Funk party zwei Monate lang in einem nagelneuen Club betrieben, der sehr starke Anlaufschwierigkeiten hatte… Die haben mich dann recht rasch wieder gehen lassen und eine große House-Party gebucht… Im März fange ich in einem Club in Williamsburg, Brooklyn noch mal neu an. Die Reaktion der bisherigen Besucher war sehr positiv. Das Publikum war eine sehr interessante Mischung aus weißen Hipstern und Afrikanischen Einwanderern.

Siehst Du eine Zukunft, bzw. wachsendes Interesse für Afrikanischen Funk? Wie stehen die Chancen dass sich genauso ein ‚Hype’ wie in den 90ern um Amerikanische Funk Singles entwickelt?

Ich gehe davon aus, dass immer mehr Leute etwas über diese Musik herausfinden und ein Interesse daran entwickeln werden. Das mag noch ein wenig dauern aber die Musik ist einfach zu gut um sie auf Dauer zu ignorieren. Vielen Leuten ist auch gar nicht klar was für eine stilistische Vielfalt sich hier verbirgt. Ein ‚Hype’ muss es von mir aus nicht unbedingt geben.

Dein gesamter Afrika-Trip ist auf Video dokumentiert, bzw. auf deiner Internetseite www.voodoofunk.com in schriftlicher Form. Worauf dürfen wir uns noch freuen?

Ich bin gerade mit verschiedenen Reissue-Projekten beschäftigt und natürlich auch mit der Planung meiner nächsten Party…

Danke Frank und hoffentlich noch viele weiter Neuentdeckungen aus Afrika!